Ein alpines Schlachtschiff als moderner Datenbunker?

Text Thomas Kaiser
Fotografie Stefan Jermann

02. März 2021

In der Schweiz gibt es tausende militärische Befestigungsanlagen. Früher dienten sie der Landesverteidigung, heute nutzt man sie als Käselager, Museum, Datenbunker – und oft gar nicht. Warum eigentlich? Auf Antwortsuche in der Festung Furggels, dem grössten «Gebirgsschlachtschiff» der Ostschweiz.

Die Schweiz ist ein Binnenland – und hat dennoch eine Hochseeflotte. Aktuell besteht diese Flotte aus 17 Frachtern und zwei Tankschiffen. Zusammen verfügen diese 19 Schiffe über eine Leistung von mehr als 13 500 Pferdestärken und eine Ladekapazität von über neun Millionen Tonnen. Unterwegs sind die Schiffe auf allen Weltmeeren, ihre Namen erinnern jedoch an die Heimat. Sie heissen «Bregaglia», «Lavaux» oder «Lausanne». Diese Namensgebung hat Tradition: «Maloja» und «Calanda» taufte man die ersten der insgesamt 14 Schiffe, welche die Schweiz während des Zweiten Weltkriegs aufkaufte. Die neue Flotte sollte während des Kriegs die Versorgung der Schweiz mit Waren aus Übersee gewährleisten.

Wo Kühe neben Kanonen weiden

Die Schweiz ist ein neutrales Binnenland – und hat dennoch eine Art Kriegsflotte. Die Flotte wurde jedoch nie auf die Weltmeere oder in den Krieg geschickt, sondern vielmehr in die Berge hineingebaut. Noch heute liegen die drei grössten Flottenverbände tief im Fels bei St. Maurice im Unterwallis, am Gotthard in der Zentralschweiz und bei Sargans in der Ostschweiz. Die Festungen entstanden im Zweiten Weltkrieg, als die Schweiz zur Landesversorgung mitunter eine Handelsflotte aufbaute und zur Landesverteidigung das berühmte Schweizer Réduit errichtete.

Wie die Frachter tragen auch diese Kriegsschiffe Namen mit Bezug zur Schweiz. Das schlagkräftigste Gebirgsschlachtschiff der Ostschweiz etwa heisst Furggels. Dem Flurnamen entsprechend liegt das Schlachtschiff hoch über den Ortschaften Bad Ragaz und Pfäfers im Fels verankert. Noch höher, im Dörfchen St. Margrethenberg, ragen die Panzertürme des Schlachtschiffs aus dem Boden. Die mächtigen Geschütze sind als Ställe getarnt. Mittlerweile gut sichtbar sind die Kanonenrohre, die mehrere Meter weit aus den Ställen herausragen. Neben den Geschützen, sozusagen auf dem grünen Deck des Schlachtschiffs Furggels, weiden im Sommer Kühe. Diese gehören nicht zur Tarnung und auch nicht zur Armee, sondern sind tatsächlich im Besitz von Bauern.

Das Schlachtschiff im Fels

Auch die Festung Furggels ist mittlerweile in Privatbesitz. Erich Breitenmoser hat das Artilleriewerk Ende 2018 gekauft. Wer das Gebirgsschlachtschiff betreten will, braucht darum einen Termin mit dem Unternehmer aus dem St. Gallischen Ort Widnau. Dann fährt Erich Breitenmoser den Berg herauf, hält mitten im Wald vor einem vermeintlichen Bretterverschlag und öffnet den Hauptzugang zur Festung. Ohne ihn gibt es keinen Zutritt: Die Festung ist nicht nur von alten, tonnenschweren Türen geschützt, hinter denen – mittlerweile verwaiste – Schiessscharten liegen, sondern auch mit moderner Technik ausgestattet; mit elektronischen Türschlössern, Überwachungskameras und Bewegungssensoren. Wer das alte Gebirgsschlachtschiff erforschen will, braucht zudem warme Kleidung. Die Festung erstreckt sich unterirdisch über zwei Geschosse mit insgesamt 190 Räumen, die Stollen und Gänge weisen eine Gesamtlänge von mehr als 7,5 Kilometer Länge auf – und die Temperatur beträgt konstant 10 Grad Celsius.

Vor Erich Breitenmoser betraten schon hunderte Soldaten die Festung. Sogar Lastwagen gelangten durch den Hauptstollen bis in den ersten, kavernenartigen Raum. Auf einer Drehscheibe, die noch heute mit Muskelkraft bewegt werden kann, wurden die Lastwagen gewendet. Hinter der Kaverne führen Gänge zu den Munitionslagern für die Panzertürme und die Bunkerkanonen. Gut zehn Mann brauchte es für den Einsatz einer solchen Bunkerkanone. Wurde eines der mehr als 40 Kilogramm schweren Geschosse abgefeuert, zitterten noch weit unterhalb der Festung, in Bad Ragaz, die Fensterscheiben. In den Kurhotels, so heisst es, war man deshalb nicht sehr erfreut über Übungen mit den Bunkerkanonen.

Im Ernstfall hätte das Artilleriewerk Furggels den Raum Sargans für feindliche Truppen sperren sollen – und zwar im Verbund mit weiteren Festungen, die rings um Sargans erstellt wurden. Sie sollten verhindern, dass der Feind von Norden her durch das St. Galler Rheintal nach Sargans gelangt, dass der Feind von Sargans westwärts Richtung Walensee vorstösst oder ostwärts Richtung Prättigau, Chur und Bündner Alpenpässe vordringt. Ausgebaut und aufgerüstet wurde die Gesamtanlage «Festung Sargans» jahrzehntelang. 1998 verlor die Festung Furggels im Rahmen der Armeereform 95 jedoch ihren Geheimstatus – und verlor wie tausende andere militärische Bauten ihre Bedeutung für die Landesverteidigung.

Eine Festung statt ein paar Ferraris

Doch einsatzbereit erscheint die Festung noch immer. Vom tonnenschweren Geschütz in der Kasematte über den Kochtopf in der Kantine bis zum Notizblock im Kommandoposten sieht alles noch wie zu Dienstzeiten aus. Nächstens, so glaubt man, könnte das Wandtelefon läuten und aus dem Hörer eine harscher Befehl ertönen. Im Schiessbüro vermeint man das Murmeln zu hören, das früher die Berechnung der Flugbahn von Geschossen begleitete. Computer gab es hier schliesslich keine. Dafür gab und gibt es in der Festung: ein Spital und drei Entgiftungsstationen, ein Kompaniebüro und eine Werkstatt, ein Brennstoffreservoir mit einem Fassungsvermögen von rund 200 000 Litern und ein Wasserreservoir mit einem Fassungsvermögen von 1,8 Millionen Litern. Im Bedarfs- oder Ernstfall hätte die 420-köpfige Besatzung monatelang in der Festung Furggels ausharren können. Unterkünfte gab es für Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten, zur Verfügung standen über 500 Betten. Hinzu kamen eine Bäckerei, diverse Vorratsräume, eine Grossküche und mehrere Kantinen. Nebst Feldpost, Waschküche, Sanitärräumen, Arrestlokal und Totenkammer …

Warum kauft man solch eine gigantische Festung? Erich Breitenmoser lässt sich auf diese Frage meist nur eine trockene Antwort entlocken. Andere Leute würden ein Ferienhaus oder ein paar Ferraris kaufen. Er halt nicht. Dem 60-jährigen Unternehmer geht es aber nicht so sehr um die Pflege eines extravaganten Hobbys, als vielmehr um den Erhalt eines Schweizer Kulturguts. Und dieses militärhistorische Kulturgut hat Seltenheitswert: Furggels ist die grösste Schweizer Festung in Privatbesitz. Wie viel Geld Erich Breitenmoser für den Kauf der Festung ausgab, lässt er sich nicht entlocken. Immerhin so viel sagt er: Allein die Stromrechnung koste ihn monatlich 1800 Franken.

seit den 1990er-Jahren sind rund 2000 militärische Gebäude und Anlagen verkauft oder im Baurecht abgegeben worden

2000 Militärbauten sind schon weg

Doch was geschah mit all den anderen Bunkern und Festungen, die im Zug der Armeereform 95 ausgemustert wurden? Und wie viele wechselten den Besitzer? «Insgesamt», sagt Kaj-Gunnar Sievert, «sind seit den 1990er-Jahren rund 2000 militärische Gebäude und Anlagen verkauft oder im Baurecht abgegeben worden.» Kaj-Gunnar Sievert muss es wissen: Er leitet die Kommunikationsabteilung von Armasuisse, dem Bundesamt für Rüstung, das unter anderem für die Immobilien des Verteidigungsdepartements zuständig ist. Was der Kommunikationsspezialist nicht sagen kann: Wie die ausgemusterten Bunker und Festungen heute genutzt werden. Darüber führt Armasuisse nicht Buch.

Bekannt ist, dass ein Munitionslager am Fuss der Blüemlisalp, dem mächtigen Gebirgsstock im Berner Oberland, als Käselager dient. Bekannt ist auch, dass das ehemalige Artilleriewerk San Carlo auf dem Gotthardpass als Wellnesshotel genutzt wird. Und kein Geheimnis ist, dass Firmen in ehemaligen Militärbunkern Speicher- und Lagerplätze anbieten – für digitale Daten, Goldbarren oder Kunstwerke. Weniger bekannt ist hingegen, dass die Nachnutzung militärischer Bauten nicht ganz einfach ist. «90 Prozent der Verteidigungsanlagen liegen ausserhalb der Bauzonen», sagt Kaj-Gunnar Sievert auf Anfrage. Das heisst: Bewilligungen für Umnutzungen sind kaum zu erhalten. Es sei denn, eine Anlagen wird als Kulturgut erhalten und erfüllt die Vorgaben des Raumplanungsgesetztes (RPG Art. 24).

Das traf im Fall von Furggels zu: 2009 kaufte ein Gastwirt das Artilleriewerk, um dieses für die Nachwelt zu erhalten. Dann übernahm ein Patenkind des Gastwirts diese Aufgabe – und jetzt ist Erich Breitenmoser an der Reihe. Allerdings schliessen sich der Erhalt der Festung und die Neunutzung von Räumen nicht gänzlich aus. In Furggels hat die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH) zwei Räume gemietet. Tief im Berg, abgeschottet von Umwelteinflüssen wie Lärm, Erschütterungen oder Elektromagnetfeldern, führt die Hochschule nun Experimente zur Erforschung der Interaktion von Schwingungen und Gravitation durch.

Erich Breitenmoser, Besitzer der Festung Furggels
Erich Breitenmoser, Besitzer der Festung Furggels

Für wen sich die Türen öffnen

Den Kreis der Mieter will Erich Breitenmoser noch vergrössern. Potenziale sieht er viele, allein schon deshalb, weil sich in der Festung jene Güter sicher aufbewahren lassen, welche mengenmässig den grössten Besitz von Unternehmen ausmacht: Daten. Bombensicher sei die Lagerungsmöglichkeit, sagt der Unternehmer. Sogar atombombensicher. Und verspricht auf seiner Webseite: «All your data will be housed in a super High Security Private Server located in Switzerland. That means you’ll have your own private cloud inside a Swiss Mountain that is bullet proof. It’s also nuclear proof, meaning it’s so secure no major disaster or war will affect its contents.» Dass Erich Breitenmoser die Vorteile der Datenspeicherung auf Englisch anpreist, hat seinen Grund: Er lebte jahrelang in Kalifornien, verdiente sein Geld als «Dr. Erich», als behandelnder Doktor der Chiropraktik, Coach für Berufskollegen und Anbieter entsprechender Ratgeber, Tools und Seminare.

In den USA kam Erich Breitenmoser auch mit sogenannten Preppers in Berührung; mit Menschen also, die nicht daran glauben, dass die öffentliche Infrastruktur ihnen angesichts eines Krieges, einer Pandemie oder einer Naturkatastrophe Schutz bieten wird. Und wie versucht sich solch ein Prepper nun vor Krisen und Katastrophen zu schützen? Richtig: Er bereitet sich auf das Leben in einem Bunker vor. Erich Breitenmoser erhielt dementsprechend schon Anfragen, ob man die Corona-Zeit in seiner «Swiss Mountain Festung» überdauern könne. Einen Hotelservice könne er leider nicht bieten, antwortete Erich Breitenmoser. Für die Datenlagerung hingegen stünden die Türen offen – und würden sich hinter den Daten auch sicher schliessen. Die Türen wurden schliesslich so konzipiert, dass sie chemische Kampfstoffe abhalten und den Druckwellen von Explosionen standhalten …

Nachtrag: Wenn in diesem Beitrag Artilleriewerke als Schlachtschiffe bezeichnet werden, stellt sich vielleicht die Frage, ob die Schweizer Armee über eine Marine verfügt. Tut sie nicht. Aber die Armee besitzt immerhin ein knappes Dutzend Patrouillenboote.

Galerie der"Swiss Mountain Festung"

Big Data im Bunker?

Lassen sich Daten in alten militärischen Bunkern sicher aufbewahren? Einige Schweizer Firmen sagen ganz klar: Ja. Etwas mehr Mühe bekundet die Schweizerische Eidgenossenschaft – obwohl sie die Bunker erbaut hat. Wo liegen die Schwierigkeiten?

Die Bezeichnung erinnert an den Decknamen für eine geheime Organisation aus einem Agentenroman: Büro für Befestigungsbauten. Allerdings war dieses Büro, kurz BBB genannt, schon vor der Blütezeit des Spionagewesens im Kalten Krieg tätig: Das BBB plante im Auftrag der Landesverteidigungskommission ab 1935 den Bau hunderter militärischer Einrichtungen. Das BBB existierte bereits zwischen 1886 und 1921, die zweite Lebensdauer des Büros endete 1951 mit seiner Eingliederung in die neue Abteilung für Genie und Festungswesen der Schweizer Armee.

Historisch gesehen verfügt die Schweiz somit über grosse Kompetenzen im Bau, Betrieb und Unterhalt von Festungen und kleinerer Bunkeranlagen. Allerdings tut sich das Land seit dem Ende des Kalten Krieges – und damit seit der Annahme veränderter Bedrohungslagen – schwer damit, neue Verwendungszwecke für die alten Anlagen zu finden. Verkauft wurden in den letzten 30 Jahren zwar mehr als 2000 kleinere und grössere Objekte, allein im Jahr 2019 wechselten 190 Bunker, Panzersperren und weitere Anlagen den Besitzer. Doch immer noch befinden sich tausende – bekannte wie geheime – Anlagen im Besitz der Eidgenossenschaft. Mindestens zwei Festungen sollen nun innerhalb der Armee neu genutzt werden: Das Verteidigungsdepartement plant die Einrichtung dreier grosser, geheimer Rechenzentren. Zwei dieser Zentren werden, so wird zumindest vermutet, in bestehende Bunker eingebaut.


Text Thomas Kaiser
Mit acht Jahren beim Grossvater Autofahren gelernt. Mit zehn sämtliche Treppen auf dem BMX hinunter gestürzt, mit vierzehn alle schwarzen Pisten mit dem Snowboard abgefahren. Mich faszinieren Menschen, die eine Geschichte haben, und diese will ich erzählen. Augenmerk auf die Relation Mensch/Maschine, Künstliche Intelligenz und in einer Welt voller Lärm die innere Ruhe finden.

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