«In der Smart Factory steuern die Produkte ihre Fertigung selbst»

Text Ralph Hofbauer
Fotografie SIPBB

16. Dezember 2019

Die Fabrik der Zukunft ist in der Swiss Smart Factory zum Greifen nah. Hier findet die Industrie Rat, wie sie die digitale Transformation anpacken soll.

«In der Smart Factory steuern die Produkte ihre Fertigung selbst»

Dominic Gorecky nimmt drei digitale Würfel in die Hand. Er schüttelt sie und auf jedem erscheint eine Zahl. Egal in welcher Reihenfolge er die Würfel aneinanderreiht, auf dem dritten erscheint die Summe der ersten zwei. Ebenso einfach sollen in der Smart Factory künftig Maschinen miteinander vernetzt werden können, erklärt Gorecky.

Der deutsche Ingenieur beschäftigt sich seit 2009 mit der Digitalisierung von Produktionsprozessen. Er war wissenschaftlicher Leiter am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz und hat das Forschungslabor SmartFactoryKL in Kaiserslautern geleitet. Heute unterstützt er Schweizer Industrieunternehmen bei der Vernetzung ihrer Produktion.

Wie gut verstehen sich die heutigen Maschinen?

Es ist noch viel Übersetzungsarbeit nötig. In der Smart Factory der Zukunft werden Maschinen von verschiedensten Herstellern miteinander kommunizieren. Heute ist dies bereits möglich, aber noch mit einem immensen Aufwand verbunden. Es müssen Sensoren angebracht, Konnektoren geschaffen und Programmiersprachen übersetzt werden. Doch ich bin überzeugt, dass sich das Konzept Plug-and-play auch in der Industrie durchsetzen wird. Ein japanischer Roboter und eine Schweizer Maschine werden sich in der Smart Factory auf Anhieb verstehen. Sie stellen sich vor und beginnen miteinander zu arbeiten. Das wird aber nur gelingen, wenn wir uns auf Standards einigen.

Wie sieht die Fabrik der Zukunft aus?

In Zukunft produzieren wir nicht mehr in riesigen Fabriken, sondern in kleinen, hochflexiblen Fertigungsstätten, die modular aufgebaut sind. Maschinen können einfach und schnell erweitert, verschoben oder durch andere ersetzt werden. Die Smart Factory ist sowohl nach innen als auch nach aussen vernetzt. Sie ist eingebunden in ein Logistiknetzwerk und direkt mit Lieferanten und Kunden verbunden. Die Produkte steuern ihre Fertigung selbst und berücksichtigen dabei individuelle Kundenwünsche.

Braucht es den Menschen da überhaupt noch?

Ich glaube nicht, dass Maschinen in absehbarer Zeit Produktionsprozesse vollkommen selbständig organisieren. Ziel ist eine flexible Automatisierung, die uns beschwerliche Arbeiten abnimmt. Kollaborative Robotik zum Beispiel kann den Menschen sinnvoll unterstützen. Mit der Smart Factory kommen aber auch heikle soziotechnische Fragen auf uns zu. Was bedeutet es zum Beispiel, wenn ich dem Produktionsleiter eine künstliche Intelligenz an die Seite stelle? Wer hat letztlich das Sagen, der Mensch oder die Technologie? Ich denke es ist wichtig, dass die Technologie jede Entscheidung begründen kann und der Mensch im Zweifelsfall die Entscheidungshoheit behält.

Vieles, was Dominic Gorecky sagt, klingt wie Zukunftsmusik. Doch in der Swiss Smart Factory in Biel wird deutlich, dass die Bausteine der Smart Factory längst Realität sind: Dinge kommunizieren mittels Internet of Things (IoT) miteinander, Teile können mit Radio Frequency Identification (RFID) lückenlos verfolgt werden und kollaborative Roboter arbeiten Hand in Hand mit Menschen. Schulungen finden mittels Virtual Reality (VR) statt und Produktionsstrassen werden mit Augmented Reality (AR) geplant.

Noch ist die Swiss Smart Factory ein Provisorium. Die Räumlichkeiten befinden sich am Stadtrand von Biel neben einer Autogarage. Nur wenig erinnert hier an eine Fabrik. Eher wirkt es wie ein Forschungslabor von Robotikstudenten oder ein Start-up von Tech-Geeks. Doch vielleicht müssen wir uns die Fabrik der Zukunft genau so vorstellen: Ein paar 3-Drucker und einige Roboter produzieren alles, was unser Herz begehrt.

Die Swiss Smart Factory ist Demonstrationsplattform, Testlabor und Kompetenzzentrum in einem. Das Team um Dominic Gorecky weist der Schweizer Industrie den Weg in die Zukunft und realisiert gemeinsam mit Unternehmen Innovationsprojekte. Das Interesse am Austausch mit den Experten ist gross, denn gerade für kleinere Firmen ist Industrie 4.0 ein grosses Vorhaben, das viele Fragen aufwirft.

Schon jetzt Realität: mit der Augmented Reality (AR) Brille die Produktion überwachen.

Wie viel von der Vision Industrie 4.0 ist heute schon Realität?

Die Industrie macht momentan erste Gehversuche, typischerweise sind dies IoT-Projekte. Viele Unternehmen haben auch bereits eine Roadmap für die digitale Transformation ausgearbeitet. Doch Industrie 4.0 ist ein Moving Target, das sich stetig weiterentwickelt, und das Thema ist zu komplex, um es alleine zu bewältigen. Die Vernetzung mit anderen Unternehmen ist zwingend. Einerseits, um gemeinsam Know-how aufzubauen, andererseits aber auch, weil die Vernetzung ein zentraler Aspekt der Smart Factory ist. Deshalb müssen sich Produktionsbetriebe öffnen.

Ist die Industrie dafür denn überhaupt offen genug?

Es stimmt, der Industriesektor ist traditionell eher verschlossen. Doch mittlerweile haben einige Unternehmen erkannt, dass Abschottung nichts bringt. In Deutschland öffnen Produktionsstätten, die in Sachen Industrie 4.0 mit gutem Beispiel vorangehen, ihre Pforten, zum Beispiel Siemens in Amberg oder Bosch Rexroth in Homburg. Natürlich sind Vorbehalte gegenüber der Vernetzung aber noch weitverbreitet. Vielen Industriefirmen scheinen die Risiken nach wie vor noch grösser als der Nutzen.

Und weshalb überwiegt der Nutzen Ihrer Meinung nach?

Weil wir über den gesamten Lebenszyklus der Produkte hinweg Informationen sammeln können, die uns helfen, die Wertschöpfungskette zu optimieren. So können wir Produkte und Prozesse laufend verbessern. Gleichzeitig lässt sich die Kundenbindung stärken. Kunden bezahlen in Zukunft nicht nur mit Geld, sondern auch mit Daten. Im Gegenzug fordern sie aber auch Transparenz und wollen wissen, wie Produkte hergestellt werden. Es sind letztlich also auch die Kunden, welche die Industrie zwingen, sich zu öffnen.

Bald zieht das Team von Dominic Gorecky um, vom Stadtrand mitten ins Zentrum von Biel. Ende 2020 eröffnet neben dem Hauptbahnhof auf einer Gesamtfläche von über 15'000 der Switzerland Innovation Park Biel/Bienne. 45 Millionen Franken kostet der Neubau, der die Innovationskraft der Schweiz stärken soll. Dass dieser im Herzen der Schweizer Uhrenindustrie entsteht, hat Symbolcharakter. Kernstück ist die grosse, offene Werkhalle der Swiss Smart Factory. Darin dürfte die Fabrik der Zukunft noch etwas greifbarer werden.

«Ein japanischer Roboter und eine Schweizer Maschine werden sich in der Smart Factory auf Anhieb verstehen. Sie stellen sich vor und beginnen miteinander zu arbeiten. Das wird aber nur gelingen, wenn wir uns auf Standards einigen.»

Galerie von Mitarbeitenden


Als Kind interessierte ich mich für Autos, Flugzeuge und Raketen. Da ich aber mit zwei linken Händen geboren wurde und nicht gut im Rechnen bin, konnte ich nicht Ingenieur werden. Die Faszination für Technik ist geblieben, unter anderem, weil sich Mensch und Maschine immer näherkommen.
Fotografie SIPBB

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