«Das autonome Fahren wird eine Revolution»

Text Andrea Schmits
Fotografie Julian Salinas

10. Dezember 2019

Autonom fahrende Taxis sollen in Zukunft das eigene Auto ersetzen, sagt Verkehrsplaner Thomas Sauter-Servaes. Durch Carsharing würde die Anzahl der Fahrzeuge reduziert und Platz gewonnen – das Resultat wären mehr Grünflächen und Fahrradwege, bessere Luft und viel weniger Unfälle. Hinzu kommen autonome Busse, die schon jetzt erfolgreich getestet werden.

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Herr Sauter-Servaes, viele Städte testen zurzeit autonome Fahrzeuge.
Wie schätzen Sie diese Entwicklung ein?
Das kann man gar nicht gross genug denken. Wird das automatische Fahren flächendeckend eingesetzt, ist das keine Evolution, sondern eine Revolution. Man kann diesen Wandel mit dem Übergang vom «Dumbphone» zum Smartphone vergleichen: Das hat unser Leben komplett umgestellt. Wichtig ist aber, dass wir die Technologie so nutzen, dass sie unser Leben verbessert.

Was meinen Sie damit?
Wenn jeder Lenker einfach sein privates Auto durch ein automatisch fahrendes Fahrzeug ersetzt, haben wir nichts gewonnen, im Gegenteil: Das automatische Fahren erschliesst neue Zielgruppen wie Kinder und Senioren. Das Resultat wäre noch mehr Verkehr auf den Strassen. Das müssen wir verhindern.

Was ist die Alternative?
Um das Potenzial der neuen Technologie zu nutzen, muss die Gesellschaft umdenken: Breit diskutiert wird die Idee des Car-on-Demand, also eine Art des Carsharings für alle. In Kombination mit dem Teilen von Fahrten wäre das sinnvoll.

Wie funktioniert das?
Bei Car-on-Demand hat niemand mehr ein eigenes Auto. Autonom fahrende Autos holen ihre Passagiere entweder zu Hause oder an virtuellen Haltestellen ab. Dabei können im besten Fall verschiedene Fahrtanfragen von einem Fahrzeug gebündelt bedient werden.

Und niemand läuft mehr?
Das darf natürlich nicht passieren. Stadtstrassen müssen von Transit- wieder zu attraktiven Aufenthaltsräumen werden. Wichtig ist, dass die gewonnenen Flächen dazu genutzt werden, die Städte fussgänger- und velofreundlicher zu machen.

Selbstfahrer verstopfen die Städte und gefährden den Verkehr.

Werden autonome Autos den heutigen ÖV ersetzen?
Nein, im besten Fall verschwimmen zwar die Grenzen zwischen öffentlichem und privatem Verkehr. Doch auf den grossen Verkehrsachsen macht es weiterhin Sinn, die Passagiere flächeneffizient in grossen Fahrzeugen wie Zügen zu bündeln.

Welches Potenzial hat die autonome Mobilität für den Güterverkehr?
Hier sind die Chancen noch besser als beim Privatverkehr, weil keine Emotionen dabei sind. Da wird einfach nur gerechnet. Heute schon wird das sogenannte Platooning getestet: Dabei fahren mehrere Lkws in einer Kolonne, doch nur der vorderste wird von einem Fahrer gesteuert. Es handelt sich um eine Zwischenstufe zur vollständigen Automation.

Das hört sich an, als wären wir schon bald von autonomen Fahrzeugen umgeben.
Nein, die Entwicklung steht noch ganz am Anfang. Manche sagen, schon in ein paar Jahren kämen die ersten autonomen Pkw auf den Markt. Das halte ich für übertrieben. Die Technik und die notwendigen regulatorischen Anpassungen sind zu komplex. Doch wir müssen uns darauf vorbereiten. Wir brauchen eine Vision für das Gesamtverkehrssystem 2050. Die technischen Antworten entwickeln sich rasant, jetzt müssen wir die richtigen Fragen stellen. Denn alle sind sich einig: Das autonome Fahren kommt.

Zur Person

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Thomas Sauter-Servaes leitet den Ingenieurstudiengang Verkehrssysteme an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Gleichzeitig forscht er an der ZHAW School of Engineering mit dem Fokus auf innovative Services und Geschäftsmodelle im Bereich Mobilität.

Hier fahren bereits autonome Fahrzeuge

Auf der ganzen Welt testen Entwickler selbstfahrende Verkehrsmittel. Eine Auswahl.

Schweiz:
Seit März 2018 verkehrt in der Schweizer Gemeinde Neuhausen am Rheinfall ein selbstfahrender Shuttlebus. Das Fahrzeug hat 11 Plätze und ist in den Linienbetrieb des öffentlichen Verkehrs eingebunden. An Bord ist stets eine Begleitperson. Der Bus fährt im Mischverkehr mit normalen Fahrzeugen durch das Ortszentrum. Er bedient drei Haltestellen, die Strecke soll aber bald bis zum Rheinfall erweitert werden.
Schon seit 2016 fahren in der Altstadt von Sion in der Westschweiz zwei autonom fahrende Busse auf einer Rundstrecke von 1,5 Kilometern. Auch in anderen Schweizer Städten wie Zug oder Freiburg sind autonome Busse im Einsatz. Noch Zukunftsmusik ist ein Projekt in Genf: die Stadt prüft zurzeit die Machbarkeit von Drohnentaxis.

USA:
Seit Mitte 2018 kann jeder auf dem Las Vegas Strip Fahrzeuge nutzen, die durch Algorithmen gesteuert werden. Die Passagiere buchen und bezahlen die Fahrt über eine App. Zurzeit ist jeweils noch ein Fahrer anwesend, der im Notfall übernehmen kann. Auch in Arizona sind autonome Fahrzeuge unterwegs.

Singapur:
In Singapur fährt ein autonomer Shuttle durch den neuen botanischen Garten. Weitere Anbieter testen ihre Systeme auf dem Gelände der technologischen Universität. Ab 2022 sollen drei Randgebiete des Stadtstaats ausserhalb der Stosszeiten mit den ersten selbstfahrenden Bussen bedient werden.

Deutschland:
Als weltweit erster Logistikanbieter hat das deutsche Unternehmen DB Schenker im Sommer 2018 zwei digital vernetzte Lkws auf die Strasse geschickt. Die Lastwagen fahren zwischen München und Nürnberg im Platooning-System: Das heisst, dass nur der vordere Wagen von einem Fahrer gesteuert wird. Im hinteren Wagen sitzt zwar auch ein Fahrer, das Fahrzeug steuert aber ein Computer. Das soll die Transporte nicht nur sicherer, sondern auch nachhaltiger machen, weil durch das Fahren im Windschatten des vorderen Wagens Kraftstoff gespart wird.


Künstliche Intelligenz, autonomes Fahren, Smart Homes: Die Zukunft ist näher, als wir denken. Als Journalistin begeistere ich mich für viele Themen – und erzähle den Lesern gerne die zugehörigen Geschichten. Das tue ich seit über zehn Jahren für Print- und Onlinemagazine, Tageszeitungen oder Blogs. Zuvor studierte ich Publizistik und Soziologie an der Universität Zürich.
Fotografie Julian Salinas

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