Der Soundtrack deines Lebens

Endel erschafft mithilfe von künstlicher Intelligenz personalisierte Musik. Die Soundscape-App verspricht je nach Bedürfnis bessere Konzentration oder leichtere Entspannung. Selbst Schlafprobleme sollen damit der Vergangenheit angehören. Ein Selbstversuch.

Text Ralph Hofbauer
Illustration Reza Bassiri

31. März 2021

Animation "Endel" von Reza Basiri

Ich sitze im Homeoffice, starte Endel und aktiviere den Modus «Focus». Sphärische Sounds erklingen, ein Synthesizer spinnt meditative Harmonien. Es ist Ambient im Geiste von Brian Eno, unaufdringlich und entspannt – mehr Atmosphäre als Musik.

Als Musik möchte das Berliner Startup den Output von Endel auch nicht bezeichnen. Oleg Stavitsky, Gründer und CEO, spricht lieber von «Functional Sound». Die Klänge sollen Stress reduzieren und die Konzentration verbessern. Das trifft den Zeitgeist – «Mindfulness» liegt schliesslich im Trend.

Es funktioniert: Ich komme in den Flow.

Illustration "Endel" von Reza Basiri

Der Klangteppich ist so weich, dass ich ihn kaum wahrnehme. Ich muss mich zwingen, aktiv hinzuhören. Die Sounds sind ständig in Bewegung. Ein dezenter Beat setzt ein, der Synthesizer macht einer Marimba Platz.

Endel produziert diese Klangwelt nur für mich. Künstliche Intelligenz komponiert die Sounds in Echtzeit und passt sie Parametern wie Wetter, Biorhythmus und Puls an. Neben den Modi Focus, On-the-go, Relax und Sleep stehen Szenarien wie Training, Lesen oder Yoga zur Auswahl.

Die App zeigt mir an, dass sie gerade Sound für den «Energieschwund am Nachmittag» produziert. Der Beat hat Fahrt aufgenommen und ich wähne mich in einer Lounge auf den Balearen, einen Drink in der Hand. Fokussiert arbeite ich mich Task für Task Richtung Feierabend.

Was bei mir funktioniert, klappt offenbar auch bei anderen: Endel wurde nach der Methode von Mihaly Csikszentmihalyi, dem Entdecker des Flow-Phänomens, getestet. Die Konzentration der Probanden erhöhte sich um den Faktor 6,3 und auch Angstgefühle wurden signifikant reduziert.

Unterwegs: Modus «On-the-go»

Illustration "Endel" von Reza Basiri

Ich schwinge mich aufs Fahrrad und wechsle in den Modus «On-the-go». Der Übergang ist nahtlos, die Klangwelt verändert sich sachte: Streicher kommen hinzu, dann ein Piano. Aus Ambient wird moderne Klassik, doch die entspannte Grundstimmung bleibt die gleiche wie vorhin im Homeoffice.

Auch wenn KI diese Klänge generiert, tragen sie doch eine menschliche Handschrift: Sound-Designer Dimitri Evgarov ist nebenberuflich ein umtriebiger Musiker. Seine Eigenkompositionen erscheinen auf dem Label 130701, wo auch Neo-Klassik-Star Max Richter seine ersten Alben veröffentlicht hat.

Das Fahrrad trägt mich raus aus der Stadt, hinaus aufs Land. Die verträumt-melancholischen Klänge passen gut in die rurale Idylle. Meine Bewegungsdaten steuern die Klänge, doch die Komposition hat wenig Dynamik. Die Melodien plätschern dahin, nach Spannung oder Reibung sucht man vergeblich.

Die ungetrübte Harmonie kommt nicht von ungefähr. Die KI arbeitet mit pentatonischen Skalen, ein 5-Ton-Muster, das sich in vielen Volks- und Kinderliedern findet. Spannungstöne sind ausgeschlossen, die KI kann also nichts falsch machen. Jede Tonfolge hört sich richtig – sprich harmonisch – an.

Vor einem Aufstieg aktiviere ich das Szenario «Training». Die Perkussion wird dominanter und legt einen Zacken zu. Geistig aber bleibe ich im Spa: Der Sound pusht, wird jedoch nie so treibend, dass ich Ambitionen für das «Maillot Jaune» entwickle. Das klingt ein bisschen wie Nils Frahm auf Stereoiden.

Endel soll keine Konkurrenz für Musiker sein, betonen die Macher. Um dies zu unterstreichen, lassen sie die KI mit Künstlern kooperieren: Die kanadische Sängerin Grimes hat den Algorithmus mit eigenem Klangmaterial gefüttert. Das Resultat heisst «AI Lullaby» und klingt für jeden anders.

Im Bett: Modus «Sleep»

Illustration "Endel" von Reza Basiri

Ich knipse das Licht aus und starte das «AI Lullaby». Kosmische Klänge umkreisen mich. Ich fühle mich wie ein Astronaut, der Lichtjahre von der Erde entfernt in einer Raumstation auf einer Pritsche liegt. Hin und wieder dringen Wortfetzen zu mir durch, wie Funksprüche vom Mutterschiff.

Der Song – das auf ewig festgeschriebene Stück – ist mit Endel passé. Dennoch hat sich die KI auf Tonspur verewigt: Das Musiklabel Warner vertreibt 20 Alben aus der Feder des Algorithmus. Der Major-Deal sorgte 2019 für Aufsehen: «Erste KI mit Plattenvertrag», lautete die Schlagzeile.

Am Vorabend bin ich nach gefühlten fünf Minuten eingeschlafen. Diesen Abend versuche ich es mit dem Modus «Sleep». Erneut erklingen Sphärenklänge, doch heute wiegt mich Wellenrauschen in den Schlaf. Erinnerungen an die letzten Ferien am Meer werden wach – und schon bin ich weg.

Mittlerweile verzeichnet Endel über zwei Millionen Nutzer und wurde von Apple zur «Watch App» des Jahres 2020 gekürt. Das Startup beliefert Airlines und Autohersteller mit Sounds, hat aber auch die Gesundheitsbranche im Visier: Musik als Medizin, die App als unbedenkliches Psychopharmakon.

Am nächsten Morgen lege ich nach einer Woche mit Endel eine Platte aus meiner Sammlung auf. Der Song zaubert mir ein Lächeln aufs Gesicht, mein Fuss wippt im Takt. Endel hat das nie geschafft. Die Macher haben recht: Musik ist das nicht, eher ein Klangmöbel für die Selbstoptimierung.

Musik ist das nicht, eher ein Klangmöbel für die Selbstoptimierung.

Ein Manifest erklärt nicht ganz unbescheiden, wie Endel als «tech-aided bodily function» die Evolution der Menschheit vorantreiben will. Die App führt mit voller Konsequenz das weiter, was Spotify-Playlists wie «Workday Zen» angestossen haben. Die Klangblase wird zum ständigen Begleiter im Alltag und Musik auf die reine Funktion reduziert. Kein Künstler, der verehrt sein will, und keine Melodie, die hängenbleibt.


Als Kind interessierte ich mich für Autos, Flugzeuge und Raketen. Da ich aber mit zwei linken Händen geboren wurde und nicht gut im Rechnen bin, konnte ich nicht Ingenieur werden. Die Faszination für Technik ist geblieben, unter anderem, weil sich Mensch und Maschine immer näherkommen.
Illustration Reza Bassiri

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