Selbstoptimierer oder Gewinn für die Gesellschaft?

Biohacker können weit mehr, als Hasen zum Leuchten bringen: Do-It-Yourself-Biologen leisten ebenso nützliche Beiträge zur Corona-Forschung, wie mit Bakterien-Kulturen Kunstwerke schaffen. Bisweilen geht es aber auch nur um sie selbst.

Text Jan Graber

10. August 2021

Selbstoptimierer oder Gewinn für die Gesellschaft?

Diese Geschichte hat durchaus ihre fragwürdigen Seiten. Es geht um ethische und moralische Fragen, philosophische Grundsätze, um Gefahren und unter Umständen sogar um lebensbedrohliche Situationen. Aber sie hat auch ihre positiven Aspekte und mit diesen will ich beginnen.

1988 tauchte in einem Artikel der Washington Post («Playing God in your Basement») erstmals ein Begriff auf, unter dem sich damals nur Eingeweihte etwas vorstellen konnten: «Biohacking». Es ging darum, wie immer mehr Laien und Hobby-Genforscher in Küchenlabors mit Molekularbiologie und Gentech ins Verhalten von Bakterien eingriffen, Erbgut veränderten und Moleküle manipulierten. Sie nannten sich selbst Do-It-Yourself-Biologen.

Im Washington-Post-Artikel verglich der Autor den Trend zur Home-made-Biotechnologie mit den Ursprungsjahren der Computer-PCs. Auch damals entdeckten Nerds eine neue Technologie, um eigene Experimente durchzuführen und sich mit den Geräten kreativ und künstlerisch auszudrücken – oder damit auch Unfug anzustellen. Die Garagenexperimente führten schliesslich zu einigen bahnbrechenden Innovationen, wie beispielsweise den Apple-Computern und so zu einer der aktuell wertvollsten Firmen. Die Biotechnologie liefert ein ähnliches Spielfeld.

Vanessa Lorenzo der «Living Instruments» Biomusic-Band
Vanessa Lorenzo der «Living Instruments» Biomusic-Band

Do it together

Es dauerte indessen zwar fast zwanzig Jahre, bis die Do-It-Yourself-Biologie (kurz DIY-Bio) den Weg in die Allgemeinheit fand. Doch Mitte der Nullerjahre war es so weit: Rund um den Globus schossen plötzlich Communities von DIY-Biologen aus dem Boden. Die Biohacker experimentierten in ihren Küchen, tauschten sich in Foren aus oder gründeten gemeinsam genutzte Labore, um zusammen zu forschen. In diesen tummelten sich ebenso Hobby-Biologen jeden Alters wie ausgebildete Wissenschaftlerinnen. In Zürich entstand unter der Federführung des DIY-Biologen Marc Dusseiller die Hacketeria, in Luzern gründete Urs Gaudenz die GaudiLabs und in Lausanne gründeten Gleichgesinnte das Hackuarium. Es handelt sich um eine kleine, aber gut vernetzte Szene: Sie tauscht ihre Erkenntnisse aus, trifft sich zu Tagungen und entwickelt gemeinsame Projekte. «Bei uns ging es immer stark um die Mischung aus Fun, Technologie, Kunst und Kultur», sagt die Wissenschaftlerin Rachel Aronoff. 

Bei uns ging es immer stark um die Mischung aus Fun, Technologie, Kunst und Kultur.

Aronoff ist amtierende Präsidentin des Hackuariums. Zu einem der wichtigsten Ziele der Biohacker gehöre, die Biotechnologie aus dem Elfenbeinturm der elitären Wissenschaft herunterzuholen und möglichst allen zugänglich zu machen. Jedermann und jede Frau soll Zugang zu den biotechnologischen Experimentierfeldern erhalten. Aronoff: «Wenn wir die Wissenschaft näher an die Menschen bringen, stärken wir auch den Glauben an die wissenschaftliche Beweisführung.»

Schönes…

Eigentlich spreche sie auch lieber von «DIT-Bio» – Do-it-Together-Biologie, ergänzt Aronoff. Oft arbeiten Menschen mit unterschiedlichen beruflichen Hintergründen zusammen: Biologen, Künstlerinnen, Programmierer und zum Beispiel Chemikerinnen. «Beim grössten Teil der Hackuarium-Mitglieder handelt es sich um Wissenschaftlerinnen, Studierende und Enthusiasten», sagt sie. Zunächst einmal gehe es den Biohackern um die Lust am Experiment. 

In Petrischalen werden Bakterienkulturen gezüchtet, es wird mit Reagenzgläsern hantiert und mit Mikroskopen gearbeitet. Das Ziel besteht darin, Bakterien so zu verändern, dass sie etwas herstellen oder auf eine bestimmte Weise reagieren. Die Bakterien werden zum Leuchten gebracht, Bier-Fans entschlüsseln den genetischen Code vonBier und im Projekt «Pr(ink)t Plastic» hat die Künstlerin Vanessa Lorenzo einen Weg gefunden, aus Bakterien von Salamandern eine Bio-Tinte herzustellen, die sich zum Einfärben von 3D-Druck-Materialien nutzen lässt.

Galerie  "BeerDeCoded"

Genetischer Code von Bier
 Gianpaolo Rando, CTO von SwissDeCode
Gianpaolo Rando, CTO von SwissDeCode
BeerDeCoded Genomischer Sommelier

Lorenzo ist auch Miterfinderin der «Living Instruments» – einer Art Biomusic-Band des Hackuariums. In einer Kollaboration mit dem Schweizer Musiker Serge Vuille bringt die Künstlerin Hefe dazu, Töne zu erzeugen und Musik zu machen. Die «Living Instruments» spielten Konzerte in der Schweiz, Deutschland und in London. In Lappland spielte Lorenzo ihr «Moss-o-phone», mit dem sie Moos zum Klingen brachte.

...Ekliges…

Handschuhe "Gut Feelings" von Alanna Lynch

Auch die Künstlerin Alanna Lynch nutzt das Spiel mit den Bakterien, um Kunstwerke zu schaffen. In Arbeiten wie «Gut Feelings» (frei übersetzt: Bauchgefühl) spricht sie den Geruchs- und Tastsinn an und ist scheinbar an allem interessiert, was Ekel-Gefühle auslöst: schlechte Gerüche, schleimige Substanzen und hautähnliche Texturen. Aus Cellulose, die sie durch Fermentation von Bakterien gewonnen hat, näht sie zum Beispiel Handschuhe, die man nicht wirklich tragen möchte. 

«Ich erforsche den Zusammenhang von Ekel und Affekt», sagt die studierte Biologin. Um in die buchstäblichen Tiefen ihres Körpers hinabzusteigen, trat sie mit Hackuarium-Kollektiv in Ecublens in Verbindung und forschte zusammen mit Rachel Aronoff und Vanessa Lorenzo an Darm-Bakterien. «Ich wollte mit dem Leben in meinem Darm, in Kontakt kommen», sagt sie.

...und Übermenschliches

Um den Körper geht es auch in einem Randbereich des Biohackings, auf den DIY-Biologinnen wie Aronoff mit grosser Skepsis schauen: dem Transhumanismus. Dieser will mit Hilfsmitteln die physischen und psychischen Grenzen des Menschen sprengen. Im harmlosen Fall optimieren sich Transhumanisten mittels Ernährung, Sport und Ergänzungsstoffen. Tiefere Eingriffe finden statt, wenn sie beispielsweise NFC-Chips in den Körper implantieren, um automatisch das Handy zu entsperren. Es kommt aber auch zu illegalen und fragwürdigen Experimenten mit DNA-Sequenzen. Für einen Skandal sorgte 2017 der Biohacker Josiah Zayner, als er sich öffentlich eine mit der Gentechnologie CRISPR hergestellte DNA-Sequenz spritzte. Er wollte damit ein Gen manipulieren, welches das Muskelwachstum steuert. Das war zwar mehr Show, als dass es einen wirklichen Effekt hatte. Es war aber gute Werbung für seinen Online-Shop, auf dem er CRISPR-Kits, Gentech-Laboratorien und Biohacker-Equipment für Anfänger verkauft. Gegen Zayner wurde eine Untersuchung wegen Praktizierens von Medizin ohne Lizenz angestrengt, jedoch wieder fallengelassen. In der Schweiz und anderen Ländern sind unbeaufsichtigte CRISPR-Experimente verboten.

Wer mit gefährlichen Substanzen und Genveränderungen experimentiert, muss dies beim BAFU anmelden. Die Gefahr von Bioterrorismus wird von Behörden wie dem Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft in Zürich indessen als gering eingeschätzt. Dafür sind hochprofessionelle Ausrüstungen erforderlich; die Hersteller tödlicher Substanzen würden sich sonst eher selbst in Gefahr bringen.

Eine weitere Form des Missbrauchs stellt der «Bio-Terror» dar, was auch schon das Bundesamt für Umwelt (BAFU) und das FBI auf den Plan gerufen hat.

«Wir folgen einem Verhaltens-Code und haben Regeln, die wir streng einhalten», sagt Rachel Aronoff zur Arbeit im Hackuarium. Der Hackuarium-Raum in Ecublens sei beispielsweise mit einem offiziell geprüften P1-Laboratorium ausgerüstet. Dieses erlaubt das sichere Arbeiten mit allen Mikroorganismen, die keine Krankheiten auslösen. Die Nutzerinnen und Nutzer des Labors würden zudem in der sachgerechten Entsorgung der Materialien ausgebildet, ergänzt sie.

Den Viren auf der Spur

Charla Rachel "Corona Detective"

Aktuell nimmt Aronoff an einem der derzeit wichtigsten internationalen Projekte der Biohacker-Szene teil: dem «Corona-Detective». Der Test soll es erlauben, mit einfachen Mitteln die Existenz von Corona-Viren in ihrem Umfeld nachzuweisen. Dazu sollen simpel zu nutzende Test-Kits zur Verfügung stehen, für deren Anwendung es keine biologische oder medizinische Ausbildung braucht – nur die Einhaltung aller nötigen Corona-Schutzmassnahmen muss gewährleistet sein. Die Entwicklung von «Corona Detective» ist so weit fortgeschritten, dass das Team bereits im Gespräch über die Distribution des Equipments ist. Falls der «Corona Detective» wirklich bald weltweit vertrieben und erfolgreich eingesetzt wird, wäre dies in der Tat ein durchschlagender Erfolg für die Biohacker-Szene. Er würde zeigen, dass auch aus diesen Nerd-Laboratorien Grosses hervorgehen könnte.

Über Rachel Aronoff

Die Amerikanerin Rachel Aronoff hat einen Doktortitel in Mikrobiologie und lebt in Lausanne. Sie war unter anderem an der Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL) als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig und ist die Gründerin der Schweizer Gesellschaft AGiR (Aktion zur Erforschung der Genomischen Integrität), die sich der genetischen Gesundheit der Menschen widmet.


Text Jan Graber

Lesen Sie auch

Cookie-Einstellungen

Bystronic verwendet „erforderliche Cookies“, um den Betrieb der Website zu gewährleisten, „Präferenz-Cookies“, um Ihr Website-Erlebnis zu optimieren, und „Marketing und Analyse-Cookies“, die von Dritten verwendet werden, um Marketingmassnahmen z. B. auf sozialen Medien zu personalisieren.
Sie können Ihre Cookie-Einstellungen jederzeit ändern, indem Sie auf jeder Seite unten auf den Link „Cookie-Einstellungen“ klicken. Weitere Informationen zu Cookies finden Sie in unserer Datenschutzrichtlinie.