Im Reich der digitalen Supermodels

Eine digitale Model-Agentur möchte mit virtuellen Supermodels die Modebranche aufmischen; die durchdesignten Avatare sind bereits in grossen Kampagnen zu sehen. Die Idee dazu hatte ein branchenmüder Fashion-Fotograf beim Bemalen von Barbie-Puppen.

Text Jan Graber
Fotografie Diigitals

01. Juli 2021

Cameron Wilson, Erfinder der digitalen Supermodels, an seinem Arbeitsplatz
Cameron Wilson, Erfinder der digitalen Supermodels, an seinem Arbeitsplatz

Bei jemandem, der sich leidenschaftlich für Youtube-Filme übers Stylen von Barbie-Puppen interessiert und diese schliesslich selbst bepinselt, vermutet man zunächst wohl keinen erwachsenen Mann. Der 32-jährige Cameron Wilson ist indessen alles andere als ein Kind: Mit einem kleinen Team hat er die Modelagentur The Diigitals gegründet, die sich auf die Kreation und Vermittlung digitaler Supermodels spezialisiert hat. Ein visionäres Projekt: Die Agentur bietet damit einen Ausblick in eine mögliche digitale Zukunft der Modeindustrie. Wilsons Stimme verrät indessen einen Menschen mit jugendlichem Gemüt und der kreative Kopf verfügt über eine kindliche Neugierde, die vielen Menschen im Laufe des Erwachsenwerdens abhandengekommen sein dürfte. Doch wie kommt ein erwachsener Mensch und erfolgreicher Modefotograf dazu, sich überhaupt mit Barbiepuppen zu beschäftigen?

Als jemand, der mit seinem eigenen Aussehen immer gehadert hat, verkörpern Barbies für mich eine universelle Schönheit

Portrait von Cameron Wilson

«Nach acht Jahren als erfolgreicher Modefotograf, kehrte ich dem Beruf zuerst einmal den Rücken», sagt Wilson. Er fühlte sich kreativ festgefahren und habe gemerkt, dass er kaum Einfluss auf die Foto-Shootings nehmen konnte. «Ich lebte wieder bei meiner Mutter und wusste nicht, was ich mit dem Leben anfangen soll.» Auf der Suche nach einer Beschäftigung für seinen kreativen Geist, stiess er auf Youtube-Videos übers Stylen von Barbiepuppen. «Ich wurde besessen davon», sagt er und bezeichnet seine Faszination als eine Form von Eskapismus. «Als jemand, der mit seinem eigenen Aussehen immer gehadert hat, verkörpern Barbies für mich eine universelle Schönheit», sagt er. Seine Verwandten hätten seine Obsession zwar etwas befremdlich gefunden. Beirren liess er sich aber nicht und begann, selbst Barbiepuppen zu verschönern. Allerdings habe ihm dafür die Fingerfertigkeit gefehlt. «Ich suchte nach einer 3D-Software, die mir erlaubte, dasselbe mit virtuellen Modellen zu tun». Fündig würde er in einem Programm («Daz 3D»). Die Software erlaubte Wilson, Modelle nach eigenen Wünschen zu formen und sie mit vielen Details auszugestalten.

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Virtuelle ausserirdische Schönheiten

«Du beginnst mit einem Grundmodel, das wie eine blanke Schaufensterpuppe aussieht, und arbeitest ihre Eigenschaften heraus», erklärt er den Prozess. Er passt den Hautton an, verändert die Augenfarben, fügt Sommersprossen hinzu, definiert den Körper. Als erstes virtuelles Supermodel erschuf Wilson «Shudu» – eine schwarze Schönheit mit perfekter Haut, manchmal verletzlichem, dann wieder laszivem Blick und dem perfekten langen, schlanken Körperbau von Laufstegmodels. «Als Inspiration für meine Kreationen dienen mir die Supermodels der 1980er- und 90er-Jahre», erklärt Wilson. Man könne die Figuren bis zu Aliens verfremden. Tatsächlich kreierte Wilson mit Galaxia ein ausserirdisches Model. Ein bis zwei Wochen braucht Wilson, bis die Grundeigenschaften eines neuen Models ausgeformt sind. Bis zum endgültigen Finish vergingen nochmals mehrere Wochen, sagt er.

Shudu das Fasion-Modell am Laufen
Nahaufnahme von Shudu, dem Modell
Fotoshooting von Shudu, dem Model

2018 entschied sich Wilson zur Gründung der Digitalagentur The Diigitals, um die nahezu perfekten Models für Werbekampagnen zu vermitteln. «Die Gründung der Agentur hatte für mich zuerst einen rein disruptiven Zweck», sagt der gebürtige Brite. Mit der Modewelt verbinde ihn eine Hassliebe: Er verachte sie ebenso, wie er von ihr fasziniert sei. Viele Menschen seien sich über den Umfang des Missbrauchs der Models durch die Agenturen nicht bewusst. Natürlich handle nicht jede Agentur verantwortungslos, aber es gebe zu viele schwarze Schafe unter ihnen. «Auch wollte ich etwas kreieren, das es so bisher noch nicht gegeben hatte», sagt Wilson. Inspiriert hätten ihn Science-Fiction-Geschichten und Fernsehserien wie «Black Mirror».

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Kritik am Schönheitsideal und der Hautfarbe

Bei den von Wilson geschaffenen Models kann man leicht vergessen, dass es sich um künstliche Figuren handelt – oft deuten nur winzige Details auf die Täuschung hin. Dabei kann allerdings ein mulmiges Gefühl entstehen, das mit dem englischen Begriff «Uncanny Valley» (deutsch: Akzeptanzlücke) beschrieben wird. Ein «Uncanny Valley» entsteht, wenn das Hirn aufgrund kleiner Abweichungen ein Bild nicht einwandfrei einer Täuschung oder der Wirklichkeit zuordnen kann. Wilson sieht das «Uncanny Valley» eher als Bestätigung denn als Problem: Auch echte Models würden mittels Photoshop bisweilen bis zur Künstlichkeit verfremdet, sagt er.

Auf Social-Media-Kanälen sehe ich Leute, die noch viel künstlicher wirken

Brenn das mollige Modell

Er beschreibt dies als «Fashion-Wirklichkeit» und seine Models würden vor allem einer solchen genügen. Das hat ihm allerdings Kritik eingebracht. Die «Fashion-Wirklichkeit» mit den perfekt gestalteten Models fördere nämlich die Beauty-Stereotype, statt sie zu hinterfragen. Wilson leistet somit Mechanismen Vorschub, die er eigentlich mit seiner Agentur in Frage stellen wollte. 

Hier kommt Wilson in Erklärungsnot und seine Erklärung wirkt etwas gesucht: «Auf Social-Media-Kanälen sehe ich Leute, die noch viel künstlicher wirken.» Dass sich die Social-Media-Selbstdarstellerinnen aber von den Schönheitsidealen der Modewelt inspirieren lassen, verschweigt er. Andererseits bricht Wilson das Schönheitsbild durchaus: Mit Brenn hat er ein molliges Model mit grosszügigen Kurven und Wachstumsstreifen geschaffen.

Eine weitere Kritik nimmt die Hautfarbe des ersten Models Shudu ins Visier. Weil Wilson als weisser Mann ein schwarzes Model schuf, sah er sich mit Vorwürfen der Aneignung und Ausbeutung konfrontiert. Dies will er so nicht stehen lassen. «Wenn wir für Kampagnen Shudu nutzen, arbeiten wir mit schwarzen Models und Kreativköpfen zusammen», sagt er. Der Fashion-Industrie fehle es an schwarzen Leuten, er versuche, dies zu ändern. Tatsächlich finden sich unter den sogenannten Musen, die den digitalen Models ihre Stimmen und bisweilen ihr Aussehen leihen, ausschliesslich Schwarze.

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Digitaler Umbruch

Auch scheut sich Wilson nicht davor, Gendergrenzen aufzulösen und sexuelle Ausrichtung in Frage zu stellen. Beim neusten Model Jyung Gram handelt es sich um eine zwar männliche aussehende, aber dennoch androgyne Figur, der durchaus homosexuelle Neigungen zugesprochen werden könnten. «Der Industrie fehlt es an Vielfalt und Repräsentanz», sagt Wilson und spricht damit ebenso Genderfragen wie die Hautfarben der Models und Menschen hinter der Kamera an. «Es braucht eine Revolution von oben», ist Wilson überzeugt. Erst wenn auch bei den Top-Managern eine Geschlechtervielfalt herrsche, können sich die Branche ändern.

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Man muss für eine Kampagne nicht Teams mit mehreren Leuten rund um den Globus fliegen

Die Fashionwelt befinde sich aber auch in einem digitalen Umbruch, findet Wilson. «Immer mehr Designer benutzen 3D-Technologien, um die Kleider am Computer zu entwerfen», sagt er. Dank den digitalen Modellen könnten die Kreationen direkt am PC anprobiert werden. Vorteile sieht Wilson bei den digitalen Modellen auch, was Klima und Nachhaltigkeit betrifft: «Man muss für eine Kampagne nicht Teams mit mehreren Leuten rund um den Globus fliegen.» Tatsächlich waren die digitalen Modelle Shudu, Dagny und Brenn schon in Kampagnen für Lexus, Louboutin und Samsung zu sehen und zierten die Covers grosser Fashion-Magazin wie Vogue. Sogar Laufsteg-Auftritte waren bereits Realität: So hatten Shudu und ihre Kolleginnen einen virtuellen Aufritt an der letztjährigen Miami Swim Week, der für einiges Aufsehen sorgte.

Koffi das männliche Supermodel

Echte Supermodels werden nicht ersetzt

Dass Shudu und ihre Nachfolgerinnen eines Tages sogar die echten Supermodels ersetzten werden, glaubt Wilson hingegen nicht. Er ist überzeugt, dass digitale Modelle zwar ihre Anhängerschaft haben, aber Menschen wollten immer auch echte Menschen sehen – mit all ihren Makeln und Fehlern. So geben die digitalen Supermodels zwar einen spannenden Einblick in die Möglichkeiten der Digitalisierung, wirken aber stets auch etwas entrückt und distanziert. Die spannende Frage wäre folglich, was geschehen würde, wenn den virtuellen Gestalten Fehler und Missgeschicke passieren würden. Wenn ein künstliches Model zum Beispiel auf dem Laufsteg stolpert, oder ein Blick hinter die Kulissen ein fluchendes, rauchendes oder weinendes Digital-Model zeigen würde. Die nur für Likes und Follower zugespitzte Inszenierung genüge auf die Dauer nicht, schliesst Wilson. Barbiepuppen-Verschönerungen auf Youtube schaue er sich allerdings immer noch an.


Text Jan Graber
Fotografie Diigitals

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