«KI soll nicht so tun, als sei sie menschlich»

Text Andrea Schmits
Fotografie Stefan Jermann

05. März 2020

Sprechen statt schreiben – Kommunikation mit Computern geschieht heute oft über Sprachbots. In seinem Buch «Dialogroboter» analysiert Armin Sieber deren massenhafte Verbreitung. Im Interview nennt er die Vorteile – stellt aber klar, dass sich Politik und Gesellschaft der Gefahren bewusst sein müssen.

«KI soll nicht so tun, als sei sie menschlich»

Herr Sieber, führen wir heute schon Dialoge mit Robotern, ohne es zu merken?

Das ist Stand heute nicht sehr wahrscheinlich. Man liest zwar immer wieder über Maschinen, die am Telefon Pizzas bestellen oder Termine vereinbaren. Massentauglich sind solche Systeme in der Regel nicht. Dialogroboter werden allerdings vielerorts eingesetzt: ich denke da an Sprachassistenten wie Alexa und Siri oder auch die E-Commerce-Bots von Banken oder Reiseunternehmen. Zum einen führt man mit ihnen aber keinen klassischen Dialog, sondern man gibt meist Befehle – zum anderen ist es sehr schwierig, eine Maschine so zu programmieren, dass sie hinsichtlich Emotionalität und Stimmführung glaubhaft ein Gespräch führen kann, so wie das Menschen tun. Aber: Ich glaube auch nicht, dass das vernünftig wäre.

Wie meinen Sie das?

Die Anforderung an eine Künstliche Intelligenz, möglichst menschlich daherzukommen, ist völlig falsch. Ein Mensch hat einen Körper, eine Geschichte, hatte Erfolge oder ist gescheitert. Eine Maschine wird nie ein Mensch sein, sie könnte es höchstens simulieren. Aber warum sollten wir das wollen? Eine Künstliche Intelligenz sollte ebendies bleiben und das auch öffentlich machen – und nicht so tun, als sei sie eine Person. Je mehr das der Fall wäre, desto mehr bekämen wir Authentizitätsprobleme im öffentlichen Diskurs. Dialogroboter bieten der Gesellschaft aber andere Vorteile.

Zum Beispiel?

Dialogroboter sind eine Schnittstelle, die uns den Zugang zum digitalen Datenraum mit all seinen Wissensbeständen vereinfachen. Sie suchen für uns Informationen im Internet, liefern den Wetterbericht oder erinnern uns an das nächste Meeting. Es ist auch praktisch und effizient, wenn man Geräte wie den Fernseher, den Herd oder die Heizung über die Stimme fernsteuern kann. Sehr interessant sind Dialogroboter auch für Unternehmen, die sie im Marketing oder für den Kundenservice einsetzen, zum Beispiel zur Begrüssung, zur Beantwortung von Fragen oder als Hilfe im Online-Shop.

Sind solche Dialogroboter für Unternehmen bald ein Muss?

Es gibt schon heute kaum ein grösseres Marken-Unternehmen, das noch nicht darüber nachdenkt, seine Produkte dialogfähig zu machen. «Voice first», also «Sprache zuerst», heisst hier das Schlagwort. Europa ist, was dieses Thema anbelangt, zwar noch nicht so weit wie zum Beispiel die USA, China oder Länder in Südostasien. Dort gibt es inzwischen immer mehr Produkte des alltäglichen Gebrauchs, die vernetzt beziehungsweise durch eine natürlich sprachliche Schnittstelle ansprechbar sind. Dieser Trend wird bleiben, auch wenn der mediale Hype um Bots gerade wieder ein wenig nachlässt.

Sie befürchten in Ihrem Buch, dass «Voice first» das Ende der Schrift bedeuten könnte.

Ja, das sehe ich als grosse Gefahr. Wir befinden uns in einer Dialogwende: Immer mehr massenmediale Kommunikation, die bisher auf schriftlichem Text basierte, könnte bald dialogbasiert sein. Doch wenn wir nur ein Viertel des heutigen Schriftgebrauchs durch stimmenbasierte Anwendungen ersetzen würden, könnte das erhebliche soziokulturelle Verschiebungen zur Folge haben. Schrift transportiert nicht nur Information. Sie strukturiert sie – und wird damit zu einem Instrument der Erkenntnis. Daher ist eine effiziente Wissenskultur für mich ohne Schrift auch kaum denkbar. Allerdings muss man auch sagen, dass die Automatisierung von Dialog nicht unbedingt die Verdrängung der Schrift zur Folge haben muss. Chats sind nach wie vor schriftbasiert. Und auch voice-basierte Schnittstellen, wie etwa die an meinem PC, können eine spannende Erweiterung zur Bearbeitung von Texten sein.

Unterschätzen wir die Risiken?

Vielleicht. Das Thema Dialogroboter ist wie ein Eisberg: Viele sehen nur die Spitze mit den coolen Maschinen. Darunter versteckt sich aber ein ganzer Berg mit Problemen. Darüber müssen sich Politik und Gesellschaft Gedanken machen. Die Entwicklungen sind tiefgreifender, als wir meinen.

Das Buch: Dialogroboter

Das Buch “Dialogroboter” von Armin Sieber: Wie Bots und künstliche Intelligenz Medien und Massenkommunikation verändern

Wie Bots und künstliche Intelligenz Medien und Massenkommunikation verändern.

Armin Sieber, Springer-Verlag

Der Autor

Portrait von Armin Sieber

Armin Sieber ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Medienwissenschaft der Universität Regensburg. Er war als Kommunikationsmanager in verschiedenen Unternehmen tätig und leitet seit 2015 ein eigenes Beratungsunternehmen im Bereich Unternehmens- und Krisenkommunikation.


Künstliche Intelligenz, autonomes Fahren, Smart Homes: Die Zukunft ist näher, als wir denken. Als Journalistin begeistere ich mich für viele Themen – und erzähle den Lesern gerne die zugehörigen Geschichten. Das tue ich seit über zehn Jahren für Print- und Onlinemagazine, Tageszeitungen oder Blogs. Zuvor studierte ich Publizistik und Soziologie an der Universität Zürich.
Mit acht Jahren beim Grossvater Autofahren gelernt. Mit zehn sämtliche Treppen auf dem BMX hinunter gestürzt, mit vierzehn alle schwarzen Pisten mit dem Snowboard abgefahren. Mich faszinieren Menschen, die eine Geschichte haben, und diese will ich erzählen. Augenmerk auf die Relation Mensch/Maschine, Künstliche Intelligenz und in einer Welt voller Lärm die innere Ruhe finden.

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