Unvernunft mit reinem Gewissen

Elektroautos gelten als umweltfreundlich und zukunftsweisend. Nun jedoch erreicht die Elektromobilität auch die Klasse der Sport- und Supersportwagen. Der Porsche Taycan zählt dabei noch zu den zahmeren Beispielen, jede Menge E-Power hat aber auch er zu bieten. Wir haben den stylishen Viertürer gefahren – und uns Gedanken über Sinn und Unsinn von elektrischen Sportwagen gemacht.

Text Lukas Rüttimann
Fotografie Stefan Jermann

17. März 2021

Porsche Taycan auf schneebedeckter Strasse

Porsche? Da denken Autofans an eine harte und direkte Lenkung. An ein ikonisches Design und eine imposante Heritage. Und nicht zuletzt: An einen herrlich ratternden Boxermotor. Doch die Zeiten ändern sich, auch bei Porsche hat der Wandel begonnen. Deshalb macht sich mit dem Taycan der erste vollelektrische Porsche daran, die Herzen von Sportwagenfans zu erobern. Doch ein Porsche mit Batterie? Ist das nicht wie Pasta ohne Sauce?

Für eine Urteilsbildung setzt man sich am besten selbst ans Steuer. Denn dort merkt man schnell, dass sich der Taycan vor seinen konventionell angetriebenen Geschwistern nicht verstecken muss. Optisch sieht der elegante Viertürer zwar eher aus wie ein Panamera; vom Fahrgefühl her kommt der Taycan jedoch erstaunlich nahe an einen 911-er heran. Und spätestens, wenn man mit dem Launch Control einen Blitzstart mit über 700 PS aus der Batterie hinlegt, wird klar: Der Taycan ist ein toller Sportwagen – und ein echter Porsche.

Der Taycan hält also, was der Markenname verspricht und dürfte damit eine neue Klientel an das Thema E-Mobilität heranführen. Doch das Rennen im E-Segment der Sport- und Supersportwagen hat gerade erst begonnen. Tatsächlich liefern sich die Ankündigungen von immer leistungsstärkeren Elektro-Boliden derzeit ein regelrechtes Wettrüsten – gerade so, wie einst die traditionellen Sportwagenmarken aus Italien, Deutschland und England.

Ein paar Beispiele gefällig? Der kroatische E-Motorenbauer Rimac liess vor kurzem seinen elektrischen C_Two mit 1900 PS von Ex-Formel-Weltmeister Nico Rosberg testen. Der ehemalige Formel 1-Weltmeister urteilte danach hörbar beeindruckt: «Grossen Respekt vor Mate Rimac und seinem Team, eine so gemeine Maschine zu bauen!»

Höchstleistungen an allen Fronten

Auch der italienische Kleinsthersteller Aspark eifert kräftig mit und verspricht über 2’000 PS für den nur 99 Zentimeter grossen Owl. Vor ein paar Wochen stellte ein bulgarischer Hersteller zudem den Hypersportwagen Alieno Arcanum in Aussicht – mit über 5000 PS, gespeist von 24 Elektromotoren. In seiner Spitzenversion RP5 soll der Arcanum eine Leistung von 5221 PS (3840 kW) und 8880 Nm Drehmoment haben, mit einer Höchstgeschwindigkeit von rund 488 km/h und einem Leistungsgewicht von bis zu 2,64 PS/kg.

Und weil der Bulgare optisch frappant an einen Lamborghini erinnert, will selbstredend auch das Original nicht hintenanstehen: Bei Lamborghini arbeitet man schon länger an einem Hypercar-Konzept namens Terzio Millenio – einem Hochleistungs-Sportwagen mit rein elektrischem Antrieb, der gänzlich ohne Batterie auskommt und stattdessen seine Energie in der Karosserie speichern soll. 

Naratek-Artikel zu Terzio Millenio

Auch in der modernen E-Mobilität wird es immer ein Bedürfnis nach Autos geben, die für Fahrspass, Status, Luxus und vielleicht sogar ein wenig Unvernunft stehen

Last but not least wird auch der italienische Traditionsautobauer Pininfarina nächstes Jahr ein elektrisches Hypercar auf den Markt bringen: Der Battista mit seiner Kohlefaser-Karosserie beschleunigt in weniger als zwei Sekunden auf 100 km/h, als maximale Leistung der E-Motoren stehen über 1900 PS zur Verfügung, das Drehmoment liegt bei 2300 Nm.

Porsche Taycan Hintenansicht

Sieger-Technik für den ersten E-Porsche

Dagegen kommt der erste vollelektrische Porsche fast schon konservativ daher. Dennoch ist auch sein Leistungsausweis beachtlich. Die Topversion Turbo S des Porsche Taycan leistet beeindruckende 761 PS Overboost-Leistung, der Turbo schafft 680 PS. Die Beschleunigung von 0 auf 100 km/h schafft der Taycan Turbo S in 2,8 Sekunden, der Turbo erreicht die 100 km/h-Marke in 3,2 Sekunden. Als Reichweite des Turbo S gibt der Hersteller 412 Kilometer an, beim Turbo sind es bis zu 450 Kilometer, je gemessen nach WLTP. Beide Taycan-Modelle erreichen eine Höchstgeschwindigkeit von 260 km/h.

Porsche Taycan auf schneebedeckter Strasse

Beide Taycan-Versionen verfügen über zwei Elektromotoren, je einen pro Achse. Der Porsche Taycan ist also ein waschechtes Allrad-Fahrzeug. Die Verteilung der Kraft auf die beiden Achsen wird elektronisch geregelt. Bei Normalfahrt kann der Taycan wie ein Fronttriebler oder wie ein Hecktriebler unterwegs sein. Im Reichweiten-Modus etwa wird ein reiner Frontantrieb aktiviert, bei dynamischer Kurvenfahrt dagegen wird die Kraft nach hinten umverteilt. Durch die zwei Elektromotoren lässt sich die Verteilung auf die Achsen schneller und variabler regeln als bei einem konventionellen Allradantrieb.

Als Elektromotoren werden beim Taycan permanenterregte Synchronmaschinen (PSM) eingesetzt., die die Erregung des Rotors über Permanentmagnete realisieren. Diese bieten gegenüber den sonst häufig verwendeten Asynchronmaschinen eine höhere Effizienz, eine bessere Dauerleistung und mehr Leistungsdichte. Porsche hat bereits Erfahrung mit dieser Antriebseinheit. Immerhin handelt es sich um die gleichen Motoren, die im Le Mans-Sieger 919 Hybrid zum Einsatz kommen und ihre Leistungsstärke dort schon eindrücklich unter Beweis stellen konnten.

Wer das Pedal richtig runter drückt, erfährt bei der Beschleunigung die volle Power des Taycans am eigenen Leib

Porsche Taycan Hintenansicht

Sinn und Unsinn von E-Sportwagen

Auf einem anderen Blatt steht, wie sich solche E-Sportwagen mit dem Gedanken der Nachhaltigkeit vertragen. Denn machen wir uns nichts vor: Beim Stichwort Elektromobilität fahren bei vielen die gleichen Autos vor dem geistigen Auge vor – Tesla, i3 von BMW, Renault Zoe oder Nissan Leaf. Allesamt bewährte, aber – vielleicht mit Ausnahme von Tesla – eher unspektakuläre Elektroautos, die zumindest nach ihrer Produktion keinerlei CO2 ausstossen und für Vernunft und Nachhaltigkeit stehen. Als Preis für diesen Anspruch nimmt man Abstriche bei Funktionalität und Fahrspass in Kauf. Schliesslich will man ein Gegenstück zu den hochgetunten Supersportwagen sein, die für puren Spass und Hedonismus stehen.

Der Porsche Taycan steht in dieser Welt irgendwo dazwischen. Er ist kein Hypercar, wie die eingangs erwähnten PS-Monster und will das auch gar nicht sein. Der Taycan ist vielmehr ein alltagstauglicher Porsche, der Nachhaltigkeit und Fahrspass auf optimale Art und Weise verbindet. Und als solcher macht er durchaus Sinn. Denn auch in der modernen und nachhaltigen Welt der E-Mobilität wird es immer ein Bedürfnis nach Autos geben, die für Fahrspass, Status, Luxus und vielleicht sogar für ein kleines bisschen Unvernunft stehen. Auch in dieser Beziehung ist der Taycan also ein waschechter Porsche – Elektroantrieb hin oder her.

Porsche Taycan von hinten

Ich mag Menschen, und ich mag Technik. Spannend wird es für mich, wenn sich beide gegenseitig inspirieren. Dann greife ich ganz analog zum Notizblock – und versuche die Geschichte dahinter einzufangen. Denn gewisse Dinge werden für mich immer Handwerk bleiben.
Mit acht Jahren beim Grossvater Autofahren gelernt. Mit zehn sämtliche Treppen auf dem BMX hinunter gestürzt, mit vierzehn alle schwarzen Pisten mit dem Snowboard abgefahren. Mich faszinieren Menschen, die eine Geschichte haben, und diese will ich erzählen. Augenmerk auf die Relation Mensch/Maschine, Künstliche Intelligenz und in einer Welt voller Lärm die innere Ruhe finden.

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