Der Mann mit dem Roboterarm

Text Lukas Rüttimann
Fotografie Stefan Jermann

25. November 2019

Ein Leben ohne rechte Hand ? Michel Fornasier wurde so geboren. Dank seiner bionischen Handprothese kann der Fribourger heute nicht nur seinen Alltag meistern – er wird sogar zum Superhelden. Was es mit dem «Bionicman» auf sich hat und warum er seine Hand schon liegen gelassen hat, erzählt er im Interview.

Bionicman Michel Fornasier in his suit

Michel Fornasier ist heute als sein Alter Ego unterwegs. Im glitzernden Superhelden-Outfit gibt der extrovertierte ehemalige Investment Banker in Winterthur den Bionicman für seine kleinen Fans – eine Comic-Figur, mit der er handicapierten Kindern und Jugendlichen Mut machen will. Soeben ist der zweite Band mit den Abenteuern des Kunsthand-Helden erschienen. Im Windpark, wo man sogenanntes «Indoor Skydiving» erleben kann, stellt sich der Mann mit dem Roboterarm den Medien aus dem In- und Ausland. Selber durch die Luft wirbeln kann Fornasier heute wegen den feinen Pailletten an seinem Kostüm nicht. Dafür erzählt er leidenschaftlich seine Lebensgeschichte. Wie er als Kind unter seiner Behinderung litt, wie er dank Hightech seine Scham überwinden konnte – und wie er sich auf einer Mission zur «Enthinderung der Welt» befindet. Zur Begrüssung streckt er uns seine linke Hand entgegen.

Der Bionicman macht den Kleinen Mut

Michel Fornasier, Sie reichen automatisch Ihre linke Hand. Warum?

Ich mag einfach die menschliche Berührung beim Händedruck. Mit der rechten Hand fällt eine Begrüssung sehr roboterhaft, sehr bionisch aus. Deshalb gebe ich lieber die linke Hand, auch wenn es den einen oder anderen vielleicht aus dem Konzept bringt.

Müssten Sie Ihre bionische Hand entsprechend programmieren, um einen Händedruck ausführen zu können?

Ja. Ich verfüge über verschiedene Griffmuster, die ich per Smartphone auf meine Hand laden kann. Eines davon ist der Händedruck, den ich mittels Doppelkontraktion der Muskeln im Unterarm ausführen kann. Wenn ich die Muskeln anspanne, führt die Hand den entsprechenden Griff aus.

Welche anderen Funktionen sind mit Ihrer bionischen Hand möglich?

Ich kann beispielsweise einen Pinzettengriff aktivieren, der ist sehr praktisch, um im Kino Popcorn aus der Tüte zu klauben. (lacht) Darüber hinaus gibt es Griffe für das Velofahren oder um per Sechsfingersystem auf einer Tastatur schreiben zu können.

Sind die Möglichkeiten Ihrer Hand unbegrenzt?

Wir haben die Limite aktuell bei 25 Griffen gesetzt, mehr machen für mich keinen Sinn. Theoretisch möglich ist aber vieles. Bereits jetzt werden laufend Griffe neu programmiert oder ersetzt. Ich stehe im ständigen Austausch mit einer Firma in Schweden, die mir via Smartphone neue Griffe zum Ausprobieren schickt. Das ist eine tolle Sache für mich, denn ich freue mich über jede neue Option für meine bionische Hand.

Wo liegen die technischen Limiten Ihrer Hand? Was funktioniert noch nicht so, wie es sollte?

Wo es sicher Verbesserungspotential gibt, ist bei der Geschwindigkeit. Obwohl meine Hand aktuell sicher «state of the art» in Sachen Prothesen ist, nerve ich mich manchmal darüber, dass sie nicht schnell genug reagiert. Man muss auch sehen, dass diese Prothese lediglich 15 Prozent der Bewegungen einer menschlichen Hand ausführen kann. 

Wenn man sich vor Augen hält, wie viele Muskeln es allein dazu braucht, um einen Ball nach vorne zu werfen, steigert das die Hochachtung vor dem Wunderwerk Mensch und seinem Körper ungemein.

15 Prozent heute – und morgen? Wie schnell schreitet die Entwicklung voran?

In den letzten vier Jahren hat sich enorm viel getan. Zuvor gab es eine gewisse Stagnation, während beispielsweise bei Beinprothesen grosse Fortschritte erzielt wurden. Dann aber wurden neue Motoren entwickelt. Meine Hand verfügt über sechs solcher Motoren, zwei für den Daumen, vier für die restlichen Finger. Damit wurde es erstmals möglich, dass ich jeden Finger einzeln bewegen kann. Das war ein echter Quantensprung in der Entwicklung. Wenn es so weiter geht, wird es irgendwann möglich sein, mit dieser Hand Musik von Mozart auf dem Klavier zu spielen.

Ihre Hand kostet 55'000 Euro. Das ist ein stolzer Preis.

Das ist so. Zum einen ist die Forschung im Preis natürlich inbegriffen. Zum anderen fand ich es auch wichtig, dass eine solche Prothese vom Design her ansprechend daherkommt. Viele denken bei Handprothesen an einen Haken à la Captain Hook oder an eine Schaufensterpuppe. Meine Hand zeigt, dass eine Prothese auch innovativ und in gewisser Weise cool aussehen kann. Inzwischen gibt es künstliche Hände, die per 3D-Drucker hergestellt werden. Vor allem für Kinder ist das eine gute Möglichkeit, sich an eine Prothese zu gewöhnen; zumal man da mit Farben und Design viel machen kann. Kürzlich haben wir für einen Buben eine Hand in «Hulk-Grün» entworfen; das war ihm wichtiger als alle Funktionen, die eine solche Drucker-Prothese ohnehin nicht hat.

Portrait of Michel Fornasier the Bionicman

Sie selbst haben sich ganz bewusst für eine transparente Hand entschieden.

Richtig. Es gibt die Möglichkeit, einen hautfarbigen Handschuh überzuziehen, aber ich wollte, dass man die Feinmotorik meiner Prothese sehen kann. Bei einer teuren Uhr klebt man schliesslich auch kein Blatt über den Tourbillon. Ich habe mich bewusst dazu entschieden, weil man ohnehin sieht, dass die Hand künstlich ist. Ich will mich nicht verstecken. Und wenn man sieht, dass jemand eine Prothese ohne falsche Scham trägt, ist das Thema auch schneller gegessen.

Lassen Sie uns Ihre bionische Hand genauer betrachten. Was kann man da sehen?

Auf dem Indexfinger trage ich einen Überzug, damit ich Touchscreens bedienen kann. Das sieht für Kinder immer ein wenig nach Spider-Man aus. Kinder waren auch die Inspiration für meine Figur als Bionicman. Sie haben mich immer gefragt, ob meine Hand denn auch Superkräfte habe und waren dann ganz enttäuscht, wenn ich das verneinte. So ist die Idee eines Superhelden mit Prothese entstanden.

Wie viel Kraft hat Ihre Hand?

Ich kann es nicht sagen. Ich weiss nur, dass ich niemanden verletzten könnte. Ein fester Händedruck liegt aber drin. Im Winter wäre es natürlich praktisch, wenn ich damit Nüsse knacken könnte (lacht). 

Erzählen Sie uns etwas über die Technik.

In meinem Armstumpf sind zwei Elektroden angebracht. Über Kontraktion in meinem Handgelenk werden Beuger und Strecker animiert, die mit ihrer Bewegung dann zwei Elektroden aktivieren.

So kann ich meine Hand öffnen und schliessen. Weil das allein aber etwas wenig wäre, kann ich zusätzlich die erwähnten Griffe via Smartphone programmieren. Zudem habe ich in meinem Alltag verschiedene sogenannte Grip-Chips platziert, auf denen weitere Griffe programmiert sind. Sie laden sich automatisch via Bluetooth auf die Hand, sobald ich in der Nähe bin. Ein solcher Grip-Chip befindet sich beispielsweise auf meinem Velo oder auch in der Waschküche.

Haben Sie Ihre Hand schon mal verloren?

Das ist tatsächlich schon vorgekommen. Man muss sich vorstellen, dass diese Prothese rund 2,5 Kilogramm wiegt; ausserdem kann es im Sommer unter dem Karbon-Schaft ziemlich heiss werden. Ich habe meine Hand deshalb an einem warmen Tag auch schon ausgezogen und irgendwo liegen gelassen. Das sollte bei einem Stück Technik, das laut einer Designstudenten-Kollegin von mir auch im Museum of Modern Art ausgestellt werden könnte, natürlich nicht passieren. (lacht)

Sie sind technisch «enhanced». Wie denken Sie über Cyborgs?

Dieses Thema hat immer eine ethisch-moralische Komponente. Einerseits ist man fasziniert, andererseits ist es beängstigend, wenn man sich vorstellt, wo die Entwicklung hinführt. Für mich ist es gar keine Frage, dass man behinderten Menschen mittels Technik zu mehr Lebensqualität verhilft. Sollte es aber so weit gehen, dass man gesunden Menschen gewisse Körperteile ersetzt, damit sie besser funktionieren können, ist das fragwürdig. Das hat auch mit einem gewissen Respekt vor dem menschlichen Körper zu tun. Ich bin jedenfalls froh, dass wir aktuell noch im «Driver’s seat» sitzen und uns nicht von der Technik sagen lassen, was wir tun und lassen sollen.

Der Brite Neil Harbisson trägt eine Antenne, die in seinem Kopf verankert ist, und wird von seiner Regierung als Cyborg anerkannt. Sehen Sie sich auch als menschliche Maschine?

Nein, denn ich habe im Gegensatz zu Harbisson nichts implantiert. Ich trage ein externes Robotik-Teil, mit dem ich in der Öffentlichkeit aber natürlich auch stark auffalle. Deswegen bin ich aber noch lange kein Cyborg. Generell plädiere ich für ein Miteinander von Mensch und Maschine; solange Roboter Menschen helfen, finde ich das gut. Aber ich kann verstehen, dass sich viele Menschen von dieser Entwicklung bedroht fühlen.

Der Bionicman, Ihre Comicfigur, soll helfen, Vorurteile abzubauen. Was genau ist diese Figur?

Das Besondere an Bionicman ist, dass er seine Kraft im Gegensatz zu anderen Superhelden nicht aus einem Vorteil, sondern einer Schwäche – seiner fehlenden Hand –  bezieht.

Das muss nicht per se eine Behinderung sein. Jede Schwäche kann man in eine Stärke verwandeln, das ist die Botschaft des Bionicman, die natürlich besonders bei Kindern in ähnlichen Situationen gut ankommt. Bei dieser Idee geht es nicht um eine Profilierungsneurose von mir, sondern darum, Menschen zu «enthindern», wie ich das nenne. Das ist eine tolle Mission, die zum Glück auf ein immer stärkeres Interesse stösst.

Was erlebt der Bionicman in seinen Comics denn so?

Alle Geschichten des Bionicman haben einen autobiografischen Hintergrund. Natürlich wird das noch superheldenhaft ausgeschmückt. Auch alle anderen Figuren, die in den Comics vorkommen, gibt es im realen Leben. Mein Ziel ist es, die Welt zu enthindern. Es geht darum, die Menschen zu sensibilisieren und eine Brücke zu schlagen zwischen Behinderten und «normalen» Menschen – und darum, Kindern und Jugendlichen mit Defiziten welcher Art auch immer mehr Selbstwertgefühl und Hoffnung zu vermitteln.

Der Bionicman hat inzwischen Zuwachs erhalten...

... genau, der Bionicman will im Zuge der Gender-Gleichheit natürlich nicht hinten anstehen und hat sich mit einer weiblichen Superheldin verstärkt. Mädchen wollen schliesslich ihre eigene Identifikationsfigur, und deshalb spielt meine Kollegin Romina, die ohne linke Hand zur Welt kam, die Figur der Bionica. Sie wird als solche auch in den Comics vorkommen. Die Idee dahinter ist die: Am Ende soll es eine richtige «Justice League» aus Superhelden mit verschiedenen Handicaps geben, die eine Identifikation auf breiter Basis ermöglichen.

Auf welche neue Funktion für Ihre Hand freuen Sie sich persönlich?

Jeder neue Griff ist willkommen. Es sieht so aus, dass ich demnächst die Möglichkeit haben werde, mein Handgelenk um 360 Grad zu drehen. Das ist nicht nur sehr praktisch im Alltag – auch als Party-Gag wird dieser Move kaum zu schlagen sein. 

Ein Close-up der bionischen Handprothese


Ich mag Menschen, und ich mag Technik. Spannend wird es für mich, wenn sich beide gegenseitig inspirieren. Dann greife ich ganz analog zum Notizblock – und versuche die Geschichte dahinter einzufangen. Denn gewisse Dinge werden für mich immer Handwerk bleiben.
Mit acht Jahren beim Grossvater Autofahren gelernt. Mit zehn sämtliche Treppen auf dem BMX hinunter gestürzt, mit vierzehn alle schwarzen Pisten mit dem Snowboard abgefahren. Mich faszinieren Menschen, die eine Geschichte haben, und diese will ich erzählen. Augenmerk auf die Relation Mensch/Maschine, Künstliche Intelligenz und in einer Welt voller Lärm die innere Ruhe finden.

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