Kuchen backen mit Alexa

Die IFA in Berlin ist ein Schaufenster der Zukunft. Der wichtigste Trend 2019: Unser Zuhause wird smart. Die Küche erhält Ohren und im Badezimmer ziehen Monster ein. Ein Rundgang.

Text Michael Radunski
Fotografie Keystone / Michael Radunski
Illustration Priska Wenger

14. Dezember 2019

Der smarte Kühlschrank ist keine Zukunftsmusik mehr. Illustration von Priska Wenger
Der smarte Kühlschrank ist keine Zukunftsmusik mehr. Illustration von Priska Wenger

Nirgendwo sonst auf der Welt werden so viele Produkte rund um das digitale Leben an einem Ort zusammengeführt wie an der Internationalen Funkausstellung in Berlin. Der Andrang ist entsprechend gross. Aus aller Welt reisen Neugierige jeweils im Herbst in die deutsche Hauptstadt, um einen Blick in die Zukunft zu werfen – und dies seit 59 Jahren. Längst dreht sich aber nicht mehr alles nur um Telekommunikation und Unterhaltungselektronik, zunehmend entwickelt sich die Veranstaltung zum Treffpunkt für Enthusiasten von Hausgeräten. In diesem Bereich lässt sich dieses Jahr ein klarer Trend erkennen: Alles wird miteinander verbunden, alles wird smart.

Wie wichtig das ist, höre ich beispielsweise am Messestand von Siemens: «Wir alle kennen doch das Problem», erzählt der Berater. «Die Hände sind klebrig vom Kuchenteig oder Sie haben das grosse Backblech in der Hand. Nur: Wer macht nun die Ofentür auf?» Mit der neuen Home Connect App und den passenden Endgeräten sei dieses Problem nun endlich gelöst.

Ab März 2020 öffnet sich bei Siemens die Backofentür per Alexa-Sprachbefehl. Damit es am Ende allen schmeckt, sind jedoch nach wie vor andere Fähigkeiten gefragt.

Auch die Herde, Kaffeemaschinen oder Geschirrspüler anderer Hersteller lassen sich zukünftig mit den Sprachassistenten Alexa, Siri oder dem Google Assistant bedienen – sei es wegen klebriger Hände oder schlicht aus Bequemlichkeit.

In den Kühlschrank der Zukunft muss der Nutzer gar nicht mehr schauen. Vielmehr bekommt er die Bestandsaufnahme per Foto direkt aufs Smartphone – samt Hinweisen zur Haltbarkeit der Nahrungsmittel und dazu, welche Lebensmittel im Kühlschrank fehlen. So offenbart sich auf dem Smartphone folgender Tatbestand: Auf dem Kühlschrank-Foto erscheint ein roter Pfeil nach links, er zeigt auf die Bananen. Die Nachricht dahinter: Bananen besser nicht im Kühlschrank aufbewahren. Was uns früher die Eltern beibrachten, übernimmt nun Smart Home. Nur: Die Bananen umräumen, das muss der Nutzer nach wie vor selbst.

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Monsterjagend Zähne putzen

Smart soll es zukünftig auch im Badezimmer zugehen. Mehr als 250.000 Mal hat der österreichische Hersteller Playbrush seine elektrische Kinderzahnbürste bereits verkauft. Mit ihr und einer Spiele-App wird das Putzen zu einer Monsterjagd. Das Ziel: Die Kleinen zum Zähneputzen zu motivieren.

Mit der «Playbrush Smart One» sollen nun auch die Erwachsenen mehr Spass am Zähneputzen haben. In der Zahnputz-Version von «Wer wird Millionär?» beantwortet der Nutzer beispielsweise die entsprechenden Quizfragen, indem er nach links oder rechts bürstet. Hier geht es also tatsächlich darum, smart zu sein. 

Hauchdünne Revolution

Er gehört zu den absoluten Stars auf der Internationalen Funkausstellung (IFA) 2019 in Berlin, mit ihm will LG eine weltweite Revolution einläuten. Doch die Besucher in der Messehalle 21 staunen nicht schlecht, denn vom Star des koreanischen Technikkonzerns ist zunächst nichts zu sehen. Gebannt starren sie auf einen grauen, rechteckigen Kasten. Nichts tut sich. Als die Ersten sich bereits umdrehen und weitergehen wollen, zeigt er sich dann doch: der LG OLED TV R9.

Fast lautlos steigt der Bildschirm aus einer Box empor und entfaltet sich in wenigen Sekunden zu seiner vollen Grösse: 164 Zentimeter (rund 65 Zoll) misst das Display im Vollmodus, das Gehäuse dient dann als 100-Watt-Lautsprechersystem. Das R im Namen steht für Revolution, könnte jedoch auch als Hinweis auf sein eigentliches Markenzeichen verstanden werden: Der LG OLED TV R9 ist der erste rollbare Fernseher der Welt, auf der IFA 2019 feiert er Europa-Premiere.

Der Clou: Sein OLED-Bildschirm ist mit drei Millimetern derart dünn, dass das Display zusammengerollt werden kann. Der Nutzer kann zwischen drei verschiedenen Optionen wählen: Voll-, Linien- und Nullansicht – je nachdem, ob man fernsehen will, lediglich Informationen zu Wetter oder Uhrzeit benötigt oder das Gerät ausgeschaltet ist. Der zusammenrollbare Fernseher von LG ist ein Hingucker – und gleichzeitig auch nicht. Genau das macht ihn so interessant: Wird der Fernseher nicht genutzt, verschwindet er einfach im schmalen Lautsprecherkasten. So könnte das schwarze Loch, das jahrzehntelang das Wohnzimmer prägte, endlich der Vergangenheit angehören. Ab 2020 soll der OLED TV R9 auf den Markt kommen, sein Preis soll im fünfstelligen Bereich liegen. 

Eine ganze Wand als Bildschirm – für 450.000 Euro

Einige Messehallen weiter will auch Samsung den Fernseher verändern – allerdings in die genau entgegengesetzte Richtung: Statt die Mattscheibe in einem Kasten verschwinden zu lassen, vergrössern die Südkoreaner die Bildschirmfläche so lange, bis daraus eine ganze Wand entsteht. Entsprechend lautet der Name der TV-Neuheit: The Wall.

Auf der IFA zeigt Samsung eindrucksvoll, was inzwischen mit selbstleuchtender Micro-LED-Technologie möglich ist: Der 219 Zoll grosse Bildschirm – umgerechnet eine Diagonale von rund 5,5 Metern – besteht aus einzelnen Modulen, deren Übergänge selbst bei genauem Hinschauen kaum sichtbar sind. So lässt sich das Display auf jede gewünschte Grösse verändern und setzt zudem neue Massstäbe in Sachen Helligkeit, Farbraum, Farbvolumen und Schwarzwert. Allerdings eröffnen sich mit diesem Modell auch finanziell neue Dimensionen: Die 4K-Luxury-Variante kostet 450.000 Euro.

Samsung's The Wall

5G ­– Viel Wirbel um sehr wenig?

Das zweite Top-Thema auf vielen Ausstellertischen: der neue Mobilfunkstandard 5G. Er ist zunächst vor allem für Unternehmen interessant. Die neue Übertragungstechnologie soll die Industrieproduktion revolutionieren, Stichwort Internet der Dinge.

Aber auch private Konsumenten finden auf der IFA allerlei Anregungen, wie sie sich 5G zunutze machen können.

Huawei stellt seinen neuen Smartphone-Prozessor Kirin 990 vor, samt eingebautem Modem für 5G. Und auch das Samsung Galaxy Fold 5G ist schon bereit für die neue Übertragungsgeschwindigkeit. Unzählige Besucher reihen sich in die langen Warteschlangen ein, harren rund 30-40 Minuten aus ­– nur um das neue Smartphone endlich in die Hand zu bekommen.

Wenn das Smartphone zum Buch wird

Ihre Neugier gilt allerdings weniger der 5G-Fähigkeit als vielmehr einer anderen technischen Neuentwicklung: Das Galaxy Fold verfügt über ein 7,3-Zoll-Display, das – der Name sagt es schon – zusammengefaltet werden kann. Ist das Gerät geschlossen, kann der Nutzer über den Frontbildschirm bequem mit einer Hand auf die wichtigsten Informationen zugreifen. Für Anwendungen, die ein grösseres Display erfordern, lässt sich das Telefon wie ein Buch auseinanderfalten.

Aufgrund etlicher Defekte musste Samsung den für Ende April 2019 geplanten weltweiten Marktstart verschieben, nun soll das Galaxy Fold jedoch bereit sein für den Alltag. Der Test auf der IFA funktioniert einwandfrei: Auf dem kleineren vorderen Display startet ein YouTube-Video, das nach dem Aufklappen ohne Verzögerung auf der vollen Displaygrösse zu sehen ist.

Entsprechend stolz gibt man sich bei Samsung: Mit dem Galaxy Fold habe man die Grenzen des traditionellen Smartphones überwunden, heisst es am Messestand. Das trifft allerdings auch auf den Preis zu: 2.149 Euro kostet das Samsung Galaxy Fold 5G in Deutschland.


Text Michael Radunski
Fotografie Keystone / Michael Radunski
Illustration Priska Wenger

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